Die atomare Welt spaltet sich

Die atomare Welt spaltet sich. Während Newcomer wie China in rasantem Tempo neue Atomkraftwerke bauen, überaltert der übrige Kraftwerkpark. Das Durchschnittsalter erreicht inzwischen 29,3 Jahre. 72 der 403 in Betrieb stehenden Atommeiler sind mindestens 40 Jahre alt. Derweil erreicht der Ausbau von Wind- und Sonnenenergienutzung neue Rekordwerte. Das zeigt die aktuelle Ausgabe des World Nuclear Industry Status Report.

Die atomare Welt spaltet sich. Während Newcomer wie China in rasantem Tempo neue Atomkraftwerke bauen, überaltert der übrige Kraftwerkpark. Das Durchschnittsalter erreicht inzwischen 29,3 Jahre. 72 der 403 in Betrieb stehenden Atommeiler sind mindestens 40 Jahre alt. Derweil erreicht der Ausbau von Wind- und Sonnenenergienutzung neue Rekordwerte. Das zeigt die aktuelle Ausgabe des World Nuclear Industry Status Report.

Photovoltaik-Anlagen mit einer Kapazität von 10,5 Gigawatt sind im Juli 2017 in China ans Netz gegangen. Vor fünf Jahren hatte Deutschland mit 7,5 Gigawatt, die in einem ganzen Jahr gebaut worden waren, noch einen Weltrekord aufgestellt. Bis zum Jahresende könnten die solaren Kapazitäten in etwa mit den nuklearen gleichziehen. Noch im Jahr 2000 hatten sie mit 0,15 Gigawatt nur einen winzigen Bruchteil der nuklearen Kapazitäten ausgemacht. Doch während diese seither stagnieren, ging es mit Solar- und Windenergie nur noch aufwärts. Der Vergleich der Kapazitäten spiegelt indes nicht den tatsächlich produzierten Strom. Da liegt die Nuklearenergie mit einem Anteil von 11 Prozent der globalen Produktion noch immer deutlich vor der Photovoltaik mit 1,8 Prozent. Die Internationale Energie-Agentur rechnet bei einer anhaltend so dynamischen Entwicklung vor, dass die Solarenergie bis 2050 zur wichtigsten Energiequelle werden dürfte.

Und, das zeigen die Zahlen im vom Energieberater Mycle Schneider herausgegebenen World Nuclear Industry Status Report: Die erneuerbaren Energien Wind und Sonne haben der nuklearen Energie, was den Zubau betritt, schon lange den Rang abgelaufen. Seit 1997, als das Kyoto-Protokoll zum Klimawandel unterzeichnet wurde, ist mit zusätzlichen 948 Terrawattstunden Wind- und 332 TWh Sonnenstrom ein Mehrfaches des Wachstums an Nuklearstrom (212 TWh), produziert worden. In den Ländern der Europäischen Union ist die Produktion von Nuklearstrom in den Jahren 1997 bis 2014 mit einem Minus von 82 TWh sogar deutlich zurückgegangen, wurde aber mit einem Plus von 292 TWh an Wind- und 222 TWh an Sonnenstrom mehr als aufgefangen.

1976 noch 44 AKW im Bau
Das goldene Zeitalter der Nuklearenergie ist zumindest bis auf weiteres vorbei. Während im Rekordjahr 1976 weltweit gleich mit dem Bau von 44 Atomkraftwerken begonnen wurde, war es 2017 bislang gerade noch ein einziges in Indien. Insgesamt werden derzeit 52 Reaktoren mit einer Kapazität von 53,2 Gigawatt gebaut. 20 davon alleine finden sich in China. Das Land verfolgt nicht nur mit erneuerbaren Energien ehrgeizige Pläne, um von der extremen Abhängigkeit der klimaschädlichen Kohle wegzukommen, deren Emissionen in Chinas Grossstädte Smog verursachen, der Zehntausenden das Leben kostet. Bereits heute liegt China nach den USA und Frankreich an dritter Stelle der grössten Atomstromproduzenten weltweit, und auch wenn die Dynamik etwas abgenommen hat, so ist absehbar, dass China die Nummer eins der Welt werden dürfte. Denn in den Vereinigten Staaten und Frankreich läuft fast gar nichts mehr. Während der neue französische Staatspräsident Emanuel Macron mit einer komfortablen Parlamentsmehrheit und einem atomskeptischen Umweltminister mit dem Vorhaben der Vorgängerregierung Ernst machen will und den Anteil des Atomstroms binnen nur eines knappen Jahrzehnts von 75 auf 50 Prozent herunterschrauben will, gibt sich sein Amtskollege Donald Trump in den USA zwar betont atomenergiefreundlich, hat sich anderseits aber geweigert, weitere Zuschüsse für das vor dem Scheitern stehende Projekt V.C. Summer in South Carolina zu bewilligen. Nach vier Jahren Bauzeit ist dieses gerade zu einem Drittel fertig gestellt, und die Kosten sind aus dem Ruder gelaufen. Nun steht das ganze Vorhaben auf der Kippe. Eine nukleare Zukunft sähe anders aus als die Laufzeitverlängerungen auf 60 Jahre, mit denen schon die Vorgängerregierung unter Barack Obama auf Zeit gespielt hatte. 84 der 99 Atomkraftwerke verfügen inzwischen über entsprechende Bewilligungen. Das heisst allerdings noch nicht, dass diese auch wahrgenommen werden. Einige AKW"s sind in den vergangenen Jahren trotz verlängerter Bewilligung aus finanziellen Gründen stillgelegt worden.

Schweiz mit ältestem AKW-Park der Welt
Die Überalterung des weltweiten Parkes von derzeit noch 403 Reaktoren in 31 Ländern (fast die Hälfte davon stehen in Frankreich und den USA, rund 20 Prozent in China) schreitet voran. Aktuell liegt das Durchschnittsalter bei 29,3 Jahren. 234 Reaktoren sind älter als 30 Jahre, 50 noch keine zehn Jahre in Betrieb. In Frankreich, wo die AKW"s im Schnitt schon 32,4 Jahre laufen, droht ein mittleres Desaster, wenn es darum gehen wird, die Laufzeiten über das 40. Jahr hinaus zu verlängern. Denn ausgerichtet sind die französischen Meiler auf 40 Betriebsjahre, und die Aufsichtsbehörde hat bereits signalisiert, dass es bei einer ganzen Reihe der alten AKW"s kaum möglich sein werde, diese über 40 Jahre hinaus zu betreiben. Den ältesten Meilerpark mit durchschnittlich 42,2 Jahren betreibt die Schweiz. Die Autoren des Reports stufen das Atomkraftwerk Beznau 1 als Long Term Outage ein - der Kraftwerksbetrieb ruht seit über 18 Monaten. In vielen andern Ländern, unter anderem Frankreich, würde damit die Betriebsbewilligung automatisch auslaufen. In der Schweiz ist davon keine Rede im Gegenteil. Die Atomkraftwerke dürfen trotz eines beschlossenen Ausstieges aus der Atomenergie solange weiterlaufen, als dass sie als sicher gelten. Eine Laufzeitbeschränkung auf 45 Jahre hatte in einer Volksabstimmung keine Chance.

Fukushima: Alles noch schlimmer
Der Stand der Dinge in Fukushima aus Sicht der Autoren macht sechseinhalb Jahre nach dem dreifachen Super-GAU wenig Freude. Unabhängige Experten rechnen mit Kosten, für die weitgehend die Stromkundinnen und -kunden aufkommen werden, von bis zu 635 Milliarden Dollar. Derweil sind die grössten Fragen rund um die Entsorgung der zerstörten Atomanlagen nach wie vor ungelöst. So weiss nach wie vor kein Mensch, wo sich die geschmolzenen Reaktorkerne befinden. Eine erste Sichtung mit einem Roboter-Mini-U-Boot ergab keine klares Bild, aber extreme hohe Strahlenwerte von 210 Sievert pro Stunde - ein Sievert gilt schon als tödlich. Ungelöst ist auch die Reinigung der verstrahlten Abwässer. 200 Kubikmeter Wasser werden täglich in die drei Reaktorkerne gepumpt, um diese zu kühlen. Sie mischen sich mit tiefem Grundwasser und müssen in riesigen Tanks zwischengelagert werden - aktuell sind es rund 750'000 Kubikmeter. Der Bau eines Eiswalles rund um die Anlage hat den Grundwasserfluss nur leicht reduzieren können. Die Dekontaminierung des Wasser brachte nur Teilerfolge. Vor allem der Tritium-Gehalt überschreitet die Grenzwerte nach wie vor bei weitem. Rund 8000 Menschen werden bei den Aufräumarbeiten beschäftigt. Es kam dabei zu mehreren schweren Unfällen. Im Dezember 2016 erkannte das japanische Gesundheitsministerium erstmals einen Fall von Schilddrüsenkrebs als Folge von Verstrahlung. Die Schilddrüsenkrebsrate bei Kindern liegt um das 30fache über dem nationalen Durchschnitt. Offiziell heisst es, es könnte nicht ausgeschlossen werden, dass dies mit der Reaktorkatastrophe zu tun habe. Die Dekontaminierung, deren Effekt von unabhängigen Experten bezweifelt wird, gilt in weiten Teilen inzwischen als abgeschlossen, die geflohene Bevölkerung wird gedrängt, zurückzukehren. Rund die Hälfte der damals 165'000 Evakuierten hat das schon getan. Nur rund ein Fünftel hat dies aus freien Stücken getan. Der Rest wurde mit dem drohenden Entzug der finanziellen Unterstützung faktisch gezwungen. Der als atomfreundlich geltende japanische Premier Shinzo Abe, der bislang die grossmehrheitlich ablehnende Haltung der Bevölkerung zur Atomenergie ignoriert hatte, hat derweil einen bemerkenswerten Schwenk gemacht und mit der Ernennung des nuklearkritischen Taro Kono zum Aussenminister ein Zeichen gesetzt - auch an die Industrie, die grosse Hoffnungen in den nuklearen Export setzt. Tatsächlich sind bis heute gerade fünf der vor der Katastrophe 48 Atomkraftwerke wieder am Netz.

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Mensch und Atom
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