Kommentar - Rote Karte für Geschwätz von gestern

Elon Musk. Foto: Auto-Medienportal.Net/Tesla

Kommentar - Rote Karte für Geschwätz von gestern

Es wird höchste Zeit, Vorurteile abzulegen, wieder das Gehirn zu benutzen und den Bauch zumindest zeitweise als Quelle stichhaltiger Argumente zum Schweigen zu bringen.

Es wird höchste Zeit, Vorurteile abzulegen, wieder das Gehirn zu benutzen und den Bauch zumindest zeitweise als Quelle stichhaltiger Argumente zum Schweigen zu bringen. Mit anderen Worten: Rote Karte für das Geschwätz von gestern. Ich meine die Kommentare zur deutschen Automobilindustrie und deren Verhältnis zum Elektroauto und die angesichts der Jamaika-Verhandlungen zwischen CSU und FDP auf der einen und Bündnis 90/Die Grünen auf der anderen Seite diskutierte Zukunft des Verbrennungsmotors. Was haben wir uns da nicht schon alles anhören müssen.

So schrieb noch Ende August dieses Jahres die Berliner Tageszeitung taz: ,,Die deutsche Automobilindustrie hat den Trend zur Elektromobilität verschlafen." Im Internet meldete sich das Tech-Portal Basis Thinking zu Wort und schrieb: ,,Deutsche Autokonzerne verschlafen ihre eigene Beerdigung." Schlimmer noch: Elon Musk, CEO bei Tesla, sei der ,,Sensenmann" der deutschen Autobauer. Auch der als Autoexperte von den öffentlich-rechtlichen TV-Sendern inflationär verwurstete Professor an der Universität Duisburg-Essen, Ferdinand Dudenhöffer, darf in der Aufzählung nicht fehlen mit Sätzen wie ,,Auf Tesla hat VW sicher zehn, vielleicht sogar 15 Jahre Rückstand" oder ,,Nach 100 Jahren Verbrennungsmotor sind die Ingenieure hierzulande blockiert im Kopf" und ,,Tesla hat das Zeug, um das Jahr 2025 auf Augenhöhe mit den großen Premiumherstellern zu stehen."

Warten wir das ab. Zur Erinnerung, Herr Professor: VW beherrscht die Produktion von Autos in großen Stückzahlen problemlos und überwiegend fehlerfrei, Tesla nicht.

Zum Glück aber gibt es immer noch Fachleute, die sich die Mühe machen, Aussagen zu hinterfragen, Zusammenhänge zu recherchieren oder zuerst intensiv nachzudenken und erst danach zu reden. So wie zum Beispiel Dr. Helmut Becker, ehedem BMW-Chefvolkswirt und heute Leiter des Instituts für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation (IWK) in München.

In einem Beitrag für den Nachrichtensender ntv bemerkte Becker: ,,Seriöse Erhebungen, wonach neben Toyota und Nissan gerade Daimler, BMW und Volkswagen sowie die großen Zulieferer Bosch und Continental die meisten Patente zur Elektromobilität halten, Tesla dagegen kaum welche, werden nur kursorisch erwähnt. Das passt ja nicht zu den Vorurteilen! Dabei bauen die einen jährlich rund 16 Millionen Autos, Tesla brachte es 2016 mit großer Mühe auf etwa 70 000 Fahrzeuge. 2018 sollten es dagegen schon 500 000 werden, 2020 gar eine Million. Vom neuen Model 3 wurden statt 5000 lediglich 265 ausgeliefert. Größer als bei Musk können Wunsch und Wirklichkeit nicht auseinanderliegen."

Doch damit nicht genug. Weiter hieß es bei Becker: ,,Und dann geschah im August/September das Unerwartete. Gerade in dem Augenblick, wo die deutsche Automobilindustrie sich anschickte, auf der 67. IAA das Zeitalter der Elektromobilität auszurufen und eine Offensive für emissionsfreie Autos mit über 150 Modellen - noch nicht auf der Bühne, aber für die kommenden Jahre - starten wollte, brach in der Karibik und in den Südstaaten der USA die Wirbelsturmsaison los."

Was das angesichts der in den USA landesweit üblichen Stromversorgung per oberirdischer Freileitung bedeutete, lag auf der Hand: Ganze Landstriche mussten auf Elektrizität verzichten, allein in Florida standen über sechs Millionen Bewohner über Wochen ohne Strom da. Becker: ,,Glücklich waren alle diejenigen, die die Flucht ins Landesinnere mit ihren vollgetankten Pickups, zusätzlich mit Reservekanistern bestückt, nach Norden antreten konnten. Vorbei an all jenen Mitbürgern, deren Teslas oder sonstige E-Autos ohne Saft und ohne Chance auf - wenn überhaupt - rechtzeitige Aufladung am Wegesrand liegen geblieben sind."

Der nachfolgende Absatzboom im September an neuen Verbrenner-Pickups als Ersatz für die vom Sturm zerstörten Autos spricht Bände über die Präferenzstruktur der sturmgebeutelten Erfahrungen der US-amerikanischen Neuwagenkäufer. Die Elektro-Illusion, so bemerkt Becker: ,,Gone with the wind." Vom Winde verweht. (ampnet/hrr)

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