Energie Eva: Münchhausen wäre elektrisiert

mid München - Kostspielig, aber innovativ und sehr fahrspaßig ist die Energica Eva aus Modena. Ralf Schütze / mid

Energie Eva: Münchhausen wäre elektrisiert

Selbst Baron von Münchhausen wäre verblüfft, wie dynamisch ein sprichwörtlicher Ritt auf der Kanonenkugel mit Hilfe von Strom sein kann. Denn: Wer nur einige Male beherzt am rechten Handgriff des italienischen Elektro-Bikes Energica Eva gedreht hat, dem zieht's förmlich die Arme lang. Vorsicht Suchtgefahr.


Selbst Baron von Münchhausen wäre verblüfft, wie dynamisch ein sprichwörtlicher Ritt auf der Kanonenkugel mit Hilfe von Strom sein kann. Denn: Wer nur einige Male beherzt am rechten Handgriff des italienischen Elektro-Bikes Energica Eva gedreht hat, dem zieht's förmlich die Arme lang. Nach einigen Kilometern glaubt der frischgebackene Eva-Verehrer, sich am Fußgelenk kratzen zu können, ohne sich bücken zu müssen. Doch ganz so heftig sind die Folgen der Testfahrt dann doch nicht. Allerdings: Ohne Zweifel droht Suchtgefahr, und die könnte zum Verlust von sage und schreibe 30.226 Euro führen.

Schon die nackten Zahlen sind je nach Gemütslage und Erfahrungsschatz imposant bis furchteinflößend: 180 Newtonmeter, die ab etwa 50 km/h voll anliegen und die 280 Kilo schwere Elektro-Fuhre in Windeseile von 0 auf 100 km/h katapultieren. Gemessene Werte liegen hierzu nicht vor, aber gefühlt dürfte der Standardsprint in deutlich weniger als drei Sekunden erledigt sein. Wie gut, dass die aus Modena stammende Energica Eva dank feinster Komponenten bestens für jegliche fahrdynamische Eskapaden gerüstet ist. Darunter: ABS von Bosch, Upside-Down-Gabel von Marzocchi, ein stabiler und doch leichter Gitterrohrrahmen, edelste Feder-/Dämpfer-Elemente vom schwedischen Experten Öhlins und schließlich heftig zupackende Stopper von Brembo, den italienischen Landsleuten der noch jungen Elektrobike-Marke. Energica gehört zur CRP-Gruppe in Modena. Die weiß, was richtig gut ist, denn sie liefert unter anderem Präzisionsteile für die Formel 1.

Wer statt Bremsbeläge zu vernichten lieber Energie speichert und später wieder abruft (also "rekuperiert"), geht mit Energicas dynamischem Streetfighter gerne gezielt vom Gas, anstatt zu bremsen. Die Eva rekuperiert damit soviel Strom, dass sich die Reichweite spürbar erhöht. Die Energiegewinnung beim Tempoabbau zu nutzen ist allemal spaßiger, als im sparsamsten von vier Fahrmodi "Eco" auf 80 km/h begrenzt dahin zu schlendern. Selbst im dynamischen "Sport"-Modus sind die Akkus locker für rund 80 km gut - bei weitem genug für die fahraktive Spritztour zwischen sonntäglichem Familienfrühstück und dem Start der MotoGP-Übertragung. Im Eco-Modus sollen bis zu 200 Kilometer möglich sein. Dazwischen liegt die realistische Wahrheit, die für den Kurzstreckeneinsatz genügt: Pendelverkehr, Stadtfahrten bis hin zu kurzen, aber heftigen Überlandtouren.

So ganz lautlos sprintet die flotte Italienerin bei all dem nicht dahin. Grund: Der direkt verzahnte Primärtrieb zur Kette sorgt mit relativ lautem Surren und Singen dafür, dass man nicht überhört wird. Das ist an sich hilfreich. Allerdings: Auf Dauer ist das Geräusch für den Fahrer selbst etwas zu laut. Ein akustisch vorbildlicher Helm ist angesagt. Die deutlich ausgeformte Sitzbank mit starkem Halt fürs Hinterteil hilft dem Piloten, mit der exorbitanten Beschleunigung zurecht zu kommen. Dessen Körperhaltung ist stark nach vorne orientiert. Die Eva fällt fast in Kurven hinein. Das fühlt sich zunächst recht gewöhnungsbedürftig, nach kurzem Herantasten aber sehr dynamisch an. Schnelle Richtungswechsel gehen kinderleicht von der Hand. Über den relativ breiten und hohen Streetfighter-Lenker hat man das impulsive Sportgerät stets gut im Griff.

Eine spezielle Smartphone-App erlaubt es, ferngesteuert den Ladezustand abzulesen oder Einstellungen zu verändern. Und vor allem: Sie zeigt die nächstgelegene CCS-Schnell-Ladestation an, wo die übliche Ladezeit (3,5 Stunden an der konventionellen Steckdose) auf überschaubare 30 Minuten (85 Prozent) sinkt. Hat man sich erst einmal mit der Aufteilung des großen TFT-Displays vertraut gemacht, findet man sich sogar in Fahrt sehr gut zurecht. Insgesamt wirkt beim hochpotenten Elektromotorrad alles sehr vertraut. Das größte Aha-Erlebnis ist immer die Beschleunigung. Das bestätigt Bernhard Peintner, der mit Iwan Bikes in Pfaffenhofen nördlich von München die Strom-Motorräder von Energica vertreibt. Nach praktisch jeder Testfahrt offenbare sich dies in den Reaktionen der Strom-Neulinge: "Der Krafteinsatz ist so impulsiv und plötzlich. Das hält man nicht für möglich, ehe man's selbst erlebt hat."

Traditionell stehen bei Peintner klassische V2-Motorräder von Indian und Victory im Laden oder Retro-Bikes von Royal Enfield. Doch immer mehr Kunden interessieren sich für die flotten Stromer von Zero aus Kalifornien oder jetzt auch für die Energica Eva und ihre supersportliche Markenschwester Ego. Was speziell die Eva auszeichnet? Bernhard Peintner: "Realistisch sind mit ihr 130 Kilometer zu schaffen, wenn man einigermaßen normal fährt. Denn Energica hat ein sehr ausgereiftes Batteriemanagement. Die Eva ist wie eine Ducati oder MV Agusta: Fahraktiv, hochemotional und mit feinsten Zutaten versehen. Von der Art des Fahrgefühls ähnelt sie auch einer Yamaha MT-01. Aber genau genommen ist die Energica Eva unvergleichlich." Das stimmt schon alleine deshalb, weil die Italienerin sogar bei Bedarf mit einer Rückwärtsfahrstufe verwöhnt - Rangieren leicht gemacht!

Was Peintner außerdem in punkto Fahrgefühl hervorhebt, bestätigen auch unsere Testfahrten mit dem heißem Strom-Hobel aus Bella Italia: Ohne Schalten und Kuppeln erlebt der Biker ein unheimlich geschmeidiges Fahren. Die Sinne konzentrieren sich auf den Straßenverlauf und vor allem die idealen Brems- beziehungsweise Rekuperationspunkte. Der Fahrspaß erhöht sich dadurch. Wer sich daran und ans Fehlen eines prägnanten Motorgeräusches gewöhnt, erlebt und genießt sein fahrdynamisches Wunder.

Ralf Schütze / mid

Technische Daten Teststeno Energica Eve:

Elektrisches Naked Bike, ölgekühlter Wechselstrom-Motor mit Rekuperation, Leistung: 80 kW/109 PS bei 6.000 U/min, max. Drehmoment 180 Nm konstant ab 1 U/min, Kette, Rückwärtsfahrstufe.

Fahrwerk: Stahl-Gitterrohrrahmen, Motor mittragend, Upside-Down-Gabel mit 43 mm Standrohrdurchmesser vorn, Zweiarmschwinge hinten mit direkt angelenktem Federbein, Doppelscheibenbremse vorn 330 mm, Einscheibenbremse hinten 240 mm, Bosch ABS. Reifen vorn: 120/70 ZR 17, hinten: 180/55 ZR 17, Aluminium-Gussräder, Sitzhöhe: 795 mm, Lithium-Ionen-Akkus mit 11,7 kWh, Ladezeit 3,5 Std. an einer Haushalts-Steckdose bis 100 Prozent und 30 Min. an einer CCS-Schnell-Ladestation bis 85 Prozent, Reichweite im Eco-Modus 200 km, Radstand 1.465 mm, Gewicht 280 kg,

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