Elektro-Kleinbus mit BMW-Power

mid Fürstenfeldbruck - Gerade recht für enge Innenstädte: Der Jest Electric von Karsan befördert bis zu 26 Fahrgäste. Wolfgang Tschakert / mid

Elektro-Kleinbus mit BMW-Power

Der kompakte Citybus rollt flüsterleise über den Asphalt, das ist nur ein Teil seiner Talente. Das sechs Meter lange Fahrzeug bietet Platz für bis zu 26 Personen und den Komfort seiner großen Kollegen. Dort wo sonst ein Diesel rumort, sitzt der elektrische Antrieb made by BMW. Der Motor-Informations-Dienst (mid) hat den Stromer ausprobiert.


Der kompakte Citybus rollt flüsterleise über den Asphalt, das ist nur ein Teil seiner Talente. Das sechs Meter lange Fahrzeug bietet Platz für bis zu 26 Personen und den Komfort seiner großen Kollegen. Dort wo sonst ein Diesel rumort, sitzt der elektrische Antrieb made by BMW. Der Motor-Informations-Dienst (mid) hat den Stromer ausprobiert.

Schon der Ort der Präsentation verrät die Mittäterschaft des Münchner Automobilkonzerns. Denn so einfach kommt kein Nutzfahrzeughersteller auf den Hof von BMW - um präzise zu sein, aufs Gelände der BMW Driving Academy in Fürstenfeldbruck. Dort präsentierte der türkische Fahrzeughersteller Karsan seine neueste Kreation: Den Jest Electric, einen Kleinbus im gängigen Sprinter-Format, der mit seinem Elektroantrieb ziemlich gut in die Zeit passt. Und die Marke "powered by BMW" adelt den Kleinbus natürlich, mit dem Karsan auf den europäischen ÖPNV-Markt zielt. Während der Testfahrt auf dem Gelände der Driving Academy sehen wir sechs Rehe neben unserer Fahrtstrecke auf der Wiese stehen. Seelenruhig beobachten sie das Geschehen und bleiben stehen, weil sie den Stromer nicht hören.

Karsan ist einschlägigen Experten bereits von zahlreichen Nutzfahrzeugmessen bekannt. Das Unternehmen wurde 1966 als Automotive-Hersteller gegründet, als Zulieferer produzierte Karsan über 15 Jahre Ausstattungen und Teile für große Fahrzeughersteller. Ab 1981 liefen im Karsan-Werk bei Bursa Peugeot-Transporter vom Band, ab 2006 auch richtige Kleinbusse für den türkischen Markt. Seit 2011 bauen die Türken das eigene Produktportfolio, dazu den Transporter H350 für Hyundai, große Stadtbusse für Menarinibus (Italien) und Elektrobusse für Bozonkaya (Sileo). Karsan präsentiert sich heute als Vollsortimenter - wenngleich der Angriff auf den deutschen Markt bislang noch ausblieb.

Aber jetzt mit dem Jest Electric soll alles anders werden. Der kleine Citybus besitzt einen besonders bequemen Einstieg, nur 27 Zentimeter bis in den Innenraum. Die breite Elektrotür öffnet weit, die Stehfläche gleich dahinter fasst je nach Bestuhlung gut und gern 20 Fahrgäste. Nach hinten zu den Fahrgastsitzen muss man zwei Stufen besteigen, was ein wenig verwundert. Denn der Jest ist ein Fronttriebler und bietet dem Hersteller freie Hand, wie er sein Fahrzeug hinter dem Triebkopf gestaltet. Die Erklärung dazu: Im Heck sitzen die Batteriepakete, die nur von unten zugänglich sind.

Die Frage nach der Nutzlast offenbart keinen Schwachpunkt: Der kleine E-Bus wiegt mit kleiner Batteriebestückung 3.300 Kilo, voll besetzt darf er fünf Tonnen wiegen. Wie die großen Omnibusse trägt er unter dem Karosseriekleid einen Gitterrohrrahmen, der Rohbau wird im KTL-Verfahren tauchgrundiert. Bei den Fahrgästen sammelt der Elektro-Jest Sympathiepunkte, er fährt flüsterleise an der Haltestelle vor und belästigt seine Mitfahrer auch nicht im Innenraum. Und weil das wohlkomponierte Fahrwerk mit einzeln geführten und gefederten Rädern fast limousinenfein abrollt, reicht es keine Fahrbahnverwerfungen nach innen weiter. Nur der Fahrer könnte das Wohlgefühl stören: Wenn er zu ungestüm beschleunigt. Dazu ist der 125 kW starke Elektromotor mit seinen 290 Newtonmetern Drehmoment aus dem Stand durchaus fähig. Mit einer Taste kann man die Leistung begrenzen, auch die Höchstgeschwindigkeit von 70 auf 50 km/h limitieren.

Die Gretchen-Frage nach der Reichweite wird mit "bis zu 210 Kilometer" beantwortet. Der Jest Electric kann mit wahlweise 33, 44, 66 und 88 Kilowattstunden Kapazität bestückt werden, modulare Batteriepakete, die an einer Schnellladestation in 40 Minuten wieder voll einsatzfähig sind. Natürlich rekuperiert der Jest-Antrieb beim Verzögern, bis zu 25 Prozent soll der Bremsstrom die Batterien nachladen.

Nur mit dem Fahrerplatz konnten wir uns nicht so recht anfreunden. Der Einstieg über die Fahrertür ist mühsam, ebenso der Durchstieg aus dem Fahrgastraum. Mit dem Kopf nahe der Dachkante haben es große Chauffeure nicht leicht, die passende Sitzposition zu finden. Es wäre ja noch Zeit, ein paar Zentimeter da und dort für den Fahrer zu finden. Die gezeigten Fahrzeuge stammen noch aus der Vorserienproduktion. Diese ist aber laut Karsan bereits zu 95 Prozent mit dem Serienmodell identisch. Ende November 2018 startet die finale Produktion. Die Verantwortlichen von Karsan sprechen von vorerst 200 Einheiten jährlich. Und wie viele für Deutschland? " 30 bis 50 Jest Electric", schätzt der Karsan-CEO Okan Bas als durchaus realistisch, der elektrische City-Kleinbus hat so schnell keine Wettbewerber zu fürchten.

Wolfgang Tschakert / mid

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