Aserbaidschan übernimmt zurückeroberte Gebiete in Berg-Karabach

Ein brenndes Haus in Agdam Bild: AFP

Aserbaidschan übernimmt zurückeroberte Gebiete in Berg-Karabach

Nach dem Waffenstillstand in der Kaukasus-Region Berg-Karabach hat Armenien das Gebiet Agdam an Aserbaischan abgetreten. Das Verteidigungsministerium in Baku teilte am Freitag mit, die Armee habe Agdam erreicht.

Nach dem Waffenstillstand in der Kaukasus-Region Berg-Karabach hat Aserbaidschan das zurückeroberte Gebiet Agdam von Armenien übernommen. Das Verteidigungsministerium in Baku teilte am Freitag mit, die Armee habe Agdam erreicht. Es ist das erste von drei Gebieten unter armenischer Kontrolle, die Eriwan gemäß des Waffenstillstandsabkommens an Baku übergeben muss. Während die Menschen in Baku feierten, versuchte die Regierung in Eriwan, die heftigen Proteste gegen das Abkommen durch die Ernennung eines neuen Verteidigungsministers einzudämmen.

Aserbaidschans Präsident Ilham Alijew begrüßte den Einzug seiner Truppen in einer TV-Ansprache: "Herzlichen Glückwunsch an alle Bürger von Agdam. Ihr seid keine Flüchtlinge mehr, ihr werdet in euer angestammtes Land zurückkehren", sagte er. In Baku feierten die Menschen auf den Straßen und schwenkten die aserbaidschanische Flagge.

Die armenischen Einwohner von Agdam pflückten indessen eilig Früchte von ihren Bäumen und packten ihre Sachen, um aus dem Gebiet zu fliehen. Zahlreiche Bewohner setzten ihre Häuser in Brand, um dem "Feind" nichts zu hinterlassen. Alijew belächelte die flüchtenden Menschen in seiner TV-Ansprache: "Sie machen sich vor der ganzen Welt lächerlich", sagte er. Bis Anfang Dezember soll Aserbaidschan auch die Kontrolle über die Gebiete Kalbadschar und Latschin erhalten.

Als Reaktion auf die Proteste gegen das Abkommen in Armenien ernannte Regierungschef Nikol Paschinjan seinen Berater Wagharschak Harutunjan zum neuen Verteidigungsminister. Der abgesetzte Minister Dawid Tonojan erklärte, er hoffe, dass sein "Rücktritt" dazu beitragen werde, die Spannungen im Land zu beruhigen. 

Paschinjan steht seit dem Waffenstillstandsabkommen mit Aserbaidschan unter massivem Druck. Die Vereinbarung hatte im Land große Empörung ausgelöst. Bei zahlreichen Demonstrationen wurde Paschinjan als "Verräter" beschimpft. Er selbst lehnt einen Rücktritt jedoch ab. 

Die verfeindeten Nachbarstaaten Armenien und Aserbaidschan hatten sich vergangene Woche unter russischer Vermittlung nach sechswöchigen schweren Kämpfen auf einen Waffenstillstand in der umstrittenen Kaukasusregion Berg-Karabach geeinigt. Das Abkommen sieht vor, dass beide Kriegsparteien jene Gebiete behalten dürfen, in denen sie derzeit die Kontrolle haben - für Armenien bedeutet das große Gebietsverluste. 

Kontrolliert werden soll das Waffenstillstandsabkommen von rund 2000 russischen Soldaten, die die Kontaktlinie zwischen Berg-Karabach und aserbaidschanischem Gebiet absichern sollen. Die Türkei hat angekündigt, eine gemeinsame Beobachtungsstelle mit Russland einrichten zu wollen und ebenfalls Soldaten zu entsenden. Der Kreml wies darauf hin, dass zur Umsetzung des Abkommens der Einsatz türkischer Soldaten nicht vorgesehen sei.

Berg-Karabach hatte während des Zerfalls der Sowjetunion einseitig seine Unabhängigkeit erklärt. Darauf folgte in den 90er Jahren ein Krieg mit 30.000 Todesopfern. Die selbsternannte Republik wird bis heute international nicht anerkannt und gilt völkerrechtlich als Teil Aserbaidschans. Sie wird aber mehrheitlich von Armeniern bewohnt. Die Kämpfe waren Ende September wieder voll entbrannt. 

Bei dem Konflikt wurden mehr als 2300 armenische Soldaten getötet, wie das armenische Gesundheitsministerium am Samstag meldete. Aserbaidschan äußerte sich bisher nicht zur Zahl der auf seiner Seite getöteten Soldaten. Russlands Präsident Wladimir Putin hatte vor wenigen Tagen von insgesamt mehr als 4000 Toten gesprochen.