Debatte über mehr Tierwohl bestimmt Grüne Woche in Berlin

Schweine in einem Stall Bild: AFP

Debatte über mehr Tierwohl bestimmt Grüne Woche in Berlin

Vor dem Start der Grünen Woche ist die Debatte über mehr Tierwohl in Deutschland wieder in den Vordergrund gerückt. Bauernpräsident Joachim Rukwied stellte dabei klar, dass mehr Tierwohl seinen Preis habe.

Vor dem Start der Grünen Woche ist die Debatte über mehr Tierwohl in Deutschland wieder in den Vordergrund gerückt. Bauernpräsident Joachim Rukwied stellte am Mittwoch klar, dass mehr Tierwohl seinen Preis habe: "Unsere Bauern sind bereit, ihre Ställe umzubauen. Aber da müssen die Verbraucher mitmachen." Unterdessen wurden erneut Forderungen laut, im Sinne einer gesunden Ernährung und angesichts der Preissteigerungen die Mehrwertsteuer auf Obst und Gemüse zu senken oder zu streichen.

Auf der Agrarmesse, die am Freitag in Berlin ihre Tore öffnet, werde er "intensiv im Dialog mit den Kundinnen und Kunden für mehr Tierwohl in den Ställen werben", kündigte Rukwied an. Das funktioniere aber nur, wenn alle, die mehr Tierwohl wollen, bereit seien, "im Supermarkt gezielt nach Tierwohl-Produkten zu greifen und einen etwas höheren Preis zu bezahlen".

Im Gespräch mit der "Augsburger Allgemeinen" warnte der Präsident des Deutschen Bauernverbands (DBV) gar vor einem Niedergang der Tierzucht in Deutschland. "Wir sind dabei, den Tierhaltungsstandort Deutschland zu zerstören", sagte er.

Im vergangenen Jahr ging nach Angaben des Bauernpräsidenten etwa die Zahl der schweinehaltenden Betriebe um 1900 auf 16.900 zurück. Es gebe eine massive Verlagerung ins Ausland: Während die Zahl der Schweine in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren um 5,8 Millionen zurückgegangen sei, sei sie in Spanien um 7,4 Millionen gestiegen.

Vor diesem Hintergrund kritisierte ein Verbändebündnis unter anderem aus DBV, der Geflügelwirtschaft und der Interessengemeinschaft der Schweinehalter die "ungenügende" Finanzierung des Umbaus der Tierhaltung. Eine Milliarde Euro für vier Jahre sei "deutlich zu gering" und zusätzliche Bundesmittel seien erforderlich.

Die Verbände kritisierten auch den Gesetzentwurf zur Einführung einer verpflichtenden Tierhaltungskennzeichnung zunächst nur für Schweinefleisch. Es gebe keinen Zeitplan für die Ausweitung auf andere Tierarten und es fehle ein belastbares Kontrollkonzept für ausländische Teilnehmende, montierten sie.

Die Internationale Grüne Woche findet in diesem Jahr nach zwei Jahren Pause wieder statt. Vom 20. bis zum 29. Januar werden in Berlin 1400 Aussteller aus 60 Ländern zu der Messe erwartet. Im Fokus stehen die Themen Ernährungssicherung, nachhaltige Landwirtschaft sowie Klimaschutz und Ressourcenschonung.

Landwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne), der ebenfalls auf der Messe erwartet wird, setzt das Augenmerk auch auf die Verbraucherinnen und Verbraucher. "Die Art und Weise wie wir uns ernähren, hat erheblichen Einfluss auf das, was die Landwirtschaft produziert und wie sie es produziert", erklärte er.

Der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) forderte die Bundesregierung zu "entschiedenen Schritten" auf, um eine Ernährungswende einzuleiten. Konkret pocht der vzbv auf eine strenge Regulierung von an Kinder gerichteter Lebensmittelwerbung, eine Abschaffung der Mehrwertsteuer auf Obst, Gemüse und Hülsenfrüchte sowie den Kampf gegen irreführende Klimaaussagen (Greenwashing) bei Lebensmitteln.

"Unser Ernährungssystem ist nicht nachhaltig und geht zu Lasten künftiger Generationen", erklärte vzbv-Chefin Ramona Pop. Sie forderte Özdemir auf, die Gespräche im Rahmen der Grünen Woche zu nutzen, um politische Lösungen voranzutreiben. Die Politik müsse dafür sorgen, dass nachhaltige und gesunde Lebensmittel besser erkennbar seien.

Der Forderung nach einer kurzfristigen Senkung oder Streichung der Mehrwertsteuer auf Obst, Gemüse und Hülsenfrüchte schloss sich auch der WWF an. Mittelfristig müsse es aber eine grundsätzliche Neuausrichtung der Lebensmittelbesteuerung hin zu einer Nachhaltigkeitssteuer geben.

Die Verbraucherpreise für Gemüse hatten sich im vergangenen Jahr um 10,7 Prozent erhöht. Obst wurde um 3,0 Prozent teurer.