Test: Mercedes Marco Polo - Reise-Freiheit

Rund ein Jahr nach Debüt der neuen V-Klasse schiebt Mercedes die Reisemobil-Variante Marco Polo nach Foto: Daimler

Test: Mercedes Marco Polo - Reise-Freiheit

Rund ein Jahr nach Debüt der neuen V-Klasse schiebt Mercedes die Reisemobil-Variante Marco Polo nach. Wir waren mit dem kompakten Wohnmobil bereits unterwegs.

Marco Polo hätte seine helle Freude daran gefunden, mit der reisetauglichsten Mercedes V-Klasse von Italien nach China zu fahren. Leider wurde das Automobil erst rund sechshundert Jahre später erfunden. Im neuzeitlichen Kampf der (Auto)-Klassengesellschaft werden Camper mit samt ihren Wohnmobilen - und der Marco Polo ist nichts anderes als ein abgespecktes Wohnmobil ohne Dusche und WC - gerne mal als Low Cost-Urlauber abgetan. Doch wer den Mindest-Neupreis von 54.835 Euro für die 100 kW/136 PS starke Basisvariante hinblättert, hätte für das Geld so manche Nacht im Fünfsterne-Hotel verbringen können.

Für diesen Kurs gibt es zwar das bei ordentlichen Reisemobilen erwartete Grundrüstzeug wie Standheizung und Wassertanks, doch so manche Assistenten und elektrische Helferlein erfordern Aufpreise - alleine das elektrische Aufstelldach erfordert 1.714 Euro Mehrpreis. Auch ein integriertes Navigationssystem ist keineswegs im Einstiegspreis enthalten und schlägt mit mindestens 595 Euro zu Buche.

Dafür ist aber stylisches Mobiliar aus dem Hause Westfalia immer an Bord. Produktmanager Thomas Wirth betont, man habe sich bei der Auswahl der Ausstattung am aktuellen Wohntrend orientiert. Tatsächlich bestechen die schwarz-weiß gehaltenen Schränke in Verbindung mit dem dunklen Nussbaum-Boden des Testwagens. Und bei Nichtgebrauch werden der Gaskocher sowie die kleine Spüle mit einer dunkel getönten Glasscheibe abgedeckt, was nicht weniger chic anmutet.

Doch neben der Ästhetik spielt auch die Praxistauglichkeit eine große Rolle: Durch das intelligente Packaging entsteht viel Stauraum auf kleiner Fläche - so beherbergt die Fahrgastzelle einen Kleiderschrank, eine Kühlbox sowie zahlreiche Schubladen und Staufächer, in denen man Dinge wie Besteck und Geschirr unterbringen kann. Im Kofferraum sind Campingstühle versteckt. Blitzschnell ist der Tisch aufgestellt und die Sessel in der ersten Reihe herumgedreht, so dass ein etwaiges Picknick wettergeschützt stattfinden kann. Beim Aufstellen des Dachs kann man im Marco Polo locker stehen - und schlafen, denn dort oben verbirgt sich außerdem ein kommodes Bett. Das Material des ausfahrenden Faltenbalgs ist winddicht, kann aber zwecks Lüftung auch per Reißverschluss geöffnet werden. Dann kommt die feinporige erste Schicht zum Vorschein, die zwar Luft, nicht aber Insekten durchlässt. Natürlich lassen sich auch die Sitze im Fahrgastraum mit ein paar Handgriffen zum Bett umfunktionieren.

So viel Inventar schlägt sich selbstredend im Gewicht nieder. Rund 300 kg Zusatzmasse schleppt der Marco Polo im Vergleich zur konventionellen V-Klasse mit sich herum - doch die steckt der heckgetriebene Nützling ohne Probleme weg. Das gelingt im V 250 mit 150 kW/204 PS souverän. Doch auch der 120 kW/163 PS starke V 220 macht seine Sache ganz gut, wenngleich er sich spürbar mehr ins Zeug legen muss, um Steigungen zu überwinden. Und bitte unbedingt zur Automatik greifen - die bisweilen etwas ruppig agierende manuelle Sechsgang-Box passt so gar nicht zu dem Komfortgleiter, der außergewöhnlich sanft über schlechte Straßen rollt. Selbst das Maschinengeräusch hält sich in Grenzen, die Techniker scheinen den von Hause aus eher unkultiviert laufenden OM651 üppig gedämmt zu haben.

Damit nimmt es der auf dem Vito basierende Marco Polo Activity nicht ganz so genau und klingt ein wenig kerniger durch. Statt Küchenzeile gibt es hier außerdem mehr Raum und vor allem günstigere Preise. Ab 38.960 Euro steht der abgespeckte Marco Polo zur Verfügung und ist jedoch auch schwächer motorisiert mit 65 kW/88 PS.

Auch der Activity bietet das Ausstelldach - hier bleibt es aber mechanisch. Ein Bett kann man aus den Sitzen ebenso machen - nur zum Händewaschen müsste die nächste Gaststätte aufgesucht werden. Sämtliche Varianten sind übrigens vorbildlich in puncto Sicherheitstechnik - nur ganz billig ist das Aufrüsten mit den modernen Schutzvorrichtungen nicht: Rund 3.500 Euro extra werden fällig für Features wie autonomes Bremssystem, Einparkautomatik, Spurhalte-Warner, aktiver Tempomat und Totwinkel-Alarm. Zu den technischen Leckerbissen gehören die 1.844 Euro teuren LED-Scheinwerfer.

Was das Thema Bedienung angeht, so gehen die Marco Polo-spezifischen Kniffe leichter von der Hand. Sowohl die Betätigung des Ausstelldachs, die Füllstände der Ab- und Frischwasser-Tanks wie die Standheizung sind von einem zentralen Paneel aus anzusteuern respektive zu kontrollieren, während das Menü für die konventionellen Fahrzeug-Funktionen komplex und ein wenig umständlich ist.

Dafür sind die Instrumente übersichtlich, und die Verarbeitung kann sich sehen lassen. Der große, tabletartige TFT-Monitor sieht außerdem attraktiv aus. So ganz verleugnen kann der besondere W447 sein Inventar übrigens auch akustisch nicht - sanft knarzt es, wenn man eine Bodenwelle passiert oder mal forciert um die Kurve fährt. Doch damit kann man leben.

Mercedes Marco Polo - Technische Daten:
Kompaktes Reisemobil, Länge: 5,14 Meter, Breite: 1,93 Meter, Höhe: 1,98 Meter, Radstand: 3,20 Meter
2,1-l-Vierzylinder-Diesel, 120 kW/163 PS, maximales Drehmoment: 380 Nm bei 1.400 bis 2.400 U/Min, Vmax 194 km/h, 0-100 in 12,3 s, Durchschnittsverbrauch: 6,1 l/100 km, CO2-Ausstoß: 160 g/km, Effizienzklasse A, ab 55.846 Euro
2,1-l-Vierzylinder-Diesel, 150 kW/204 PS, maximales Drehmoment: 480 Nm bei 1.400 bis 2.400 U/Min, Vmax 200 km/h, 0-100 in 9,8 s, Durchschnittsverbrauch: 6,1 l/100 km, CO2-Ausstoß: 159 g/km, Effizienzklasse A+, ab 61.118 Euro

Mercedes Marco Polo - Kurzcharakteristik:
Warum: hohe Flexibilität, toller Fahrkomfort und sparsamer Verbrauch
Warum nicht: hoher Preis
Was sonst: Volkswagen California

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