Schwarze Magie aus Italien

Reifenhersteller Pirelli will die Erfolgsgeschichte seines Modells P Zero für Premium-Fahrzeuge fortschreiben und setzt bei der Entwicklung künftig noch mehr auf Individualisierung.

Wenn es um die Edelmarken im Automobilbau geht, dann hat Pirelli als Reifen-Erstausstatter bei den Stückzahlen die Nase eindeutig vorn. Das soll auch so bleiben. Und deswegen hat der italienische Reifenhersteller jetzt bei seiner Produktfamilie "P Zero", die in ihrer Urform 1986 zum ersten Mal ein Auto zum Rollen brachte, erneut nachgeladen. Um die Straßenlage bei Spitzengeschwindigkeiten, den kontinuierlich gleichmäßigen Abrieb, das Laufgeräusch sowie den Rollwiderstand und das sichere Fahren über stark verregnete Fahrbahn auf ein neues Niveau zu heben, justieren die Entwicklungsingenieure die beiden Reifenschultern, die Lauffläche und die Materialmischung gründlich nach.

Mit Blick auf das Grundkonzept reduziert, bedient die Produktreihe P Zero drei unterschiedliche Charaktere: Zum einen die schnellen Sportwagen wie zum Beispiel Ferraris, Lamborghinis und Porsches und die größeren Limousinen/SUV etwa von Jaguar, Maserati und BMW. Neben diesen zivileren Varianten liefert Pirelli traditionell als drittes Profildesign für sportlich anspruchsvolle Einsätze noch die "Hardcore-Version" P Zero Corsa, die eine enge Verwandtschaft zu den profillosen Slicks der Formel 1 nicht verleugnen kann.

Insgesamt ein Kraftakt, denn die Anforderungen der Autobauer und deren Modellpaletten fächern sich immer breiter auf. Um die Vielzahl der Homologationen bewältigen zu können, beginnt die Zusammenarbeit der Reifen-Experten mit den Autoherstellern bereits dann, wenn die Eckdaten für neue Fahrzeuge definiert sind. Um das Entwicklungstempo mitgehen zu können, hat Pirelli die rasanten Prozessabläufe von den Innovationen der Formel-1-Reifen übernommen. So können erste Ergebnisse im Computer schon ermittelt werden, bevor es reale Vorserienmodelle der Autohersteller gibt.

Als der P Zero vor 30 Jahren auf die Welt kam, fokussierten sich die Entwickler in erster Linie auf die Balance zwischen schnellen Rundenzeiten auf der Rennstrecke und dem Verhalten auf trockener beziehungsweise nasser Fahrbahn. Inzwischen ist die Zahl der grundsätzlichen Anforderungskriterien von drei auf 12 angewachsen. Tendenz steigend. Hinzu kommt, dass sich die Autohersteller immer feinere graduelle Unterschiede einfallen lassen, um ihren Produkten eine persönliche Note anzuerziehen. Das Ziel: Abgrenzungen in der eigenen Modellpalette oder gegenüber der Konkurrenz zu erreichen.

Pirelli benutzt in diesem Zusammenhang gern das Bild vom maßgeschneiderten Anzug, der perfekt zum jeweiligen Interessenten passen muss. Ausgehend vom Grundmuster bestimmt der Kunde, ob es sportlicher oder komfortabler sein soll, und welche Applikationen wie Runflat-Technik (mit der man selbst bei luftleerem Pneu noch weiterfahren kann), Seal Inside (damit werden Stichverletzungen durch Fremdkörper abgedichtet) oder PNCS (zur Minimierung von Geräuschen im Inneren des Reifens) "eingenäht" werden.

Pirelli leidet - wie andere Reifenhersteller auch - darunter, dass der durchschnittliche Autokäufer kein Bewusstsein für unterschiedliche Reifen-Technologien entwickelt. Die dicken Würste auf den Felgen sind eben alle schwarz und im Empfinden des Verbrauchers kaum zu unterscheiden: schwarze Magie eben, kaum durchschaubar. Wären die schnellen Socken der Autos farbig, könnten sich die Räder-Couturiers mit ihren Kreationen besser voneinander absetzen.

Zur Krönung der Präsentation des Reifens steht ein Test mit unterschiedlichen Autos, wie zum Beispiel einem Lamborghini, auf dem Rennkurs von Estoril auf dem Programm. Es ist erstaunlich, wie gut der "Lambo" den Lenkbewegungen folgt und sich beim Querstellen wieder einfangen lässt, wenn man durch einen Fahrfehler von der Ideallinie abkommt. Liegt es nun am neuen P Zero oder am Auto? Ein Entwicklungsingenieur liefert Antwort: "Ein Auto ist in seinem Fahrverhalten nur so perfekt, wie es seine Reifen sind." Wenn dieser Satz in seiner Absolutheit stimmt, dann hat Pirelli einen guten Job gemacht.

Klaus Brieter