Der Mercedes CLA bietet endlich die elektrische Premium-Technik, die den EQ-Modellen gut zu Gesicht gestanden hätte Foto: Mercedes-Benz
Autos aus Deutschland, die Hoffnung machen - Das Imperium schlägt zurück
Benjamin Bessinger/SP-X17. März 2025, 11:31 UhrVERKEHR
Auf dem Weg in die elektrische Zukunft fährt die deutsche Autoindustrie bislang mehr schlecht als recht hinterher. Doch so langsam ist sie aufgewacht und startet in diesem Jahr eine große Aufholjagd. Beispiele, die Mut machen für den Elektro-Standort Deutschland.
Die ersten Prototypen für das Elektroauto der Neuzeit fuhren zwar in Stuttgart, Ingolstadt, Rüsselsheim, München und Wolfsburg. Doch weil die deutschen Autohersteller nicht visionär genug waren, zu wenig risikofreudig oder einfach zu sehr am Bewährten festhalten wollten, wurde die elektrische Revolution nicht in jenem Land losgetreten, in dem das Auto auch erfunden wurde, sondern von Tesla in den USA und bei einem halben Dutzend Start-Ups in China. Â
Und als Audi, VW oder Mercedes dann erkannt haben, wohin der Hase läuft, war es zu spät: Hoffnungslos hintendran und plötzlich zur Eile gezwungen, haben sie den Start in die neue Ära mächtig verstolpert und ihren Ruf mit unausgereiften, kompromissbehafteten Schnellschüssen ruiniert, von denen sich einige zudem als echte Blindgänger erwiesen haben. So sind die Erfinder des Autos in der letzten Dekade in eine tiefe Krise geschlittert und auf dem Weg in die Zukunft zu Zaungästen degradiert worden.
Doch damit ist jetzt Schluss, dröhnt es trotzig aus den Entwicklungszentren in Deutschland. Denn überall haben sie in den letzten Jahren Nachtschichten geschoben, Überstunden gemacht und mit viel Energie neue Elektro-Architekturen entwickelt, die sie zurück ins Spiel und wieder auf Augenhöhe mit Tesla und den Chinesen bringen sollen. Und die ersten davon stehen jetzt – mal noch als Studie, mal schon als Serienmodell auf der Premieren-Bühne und machen Hoffnung, dass es bald wieder besser wird.
Der i3 war seiner Zeit zwar voraus und ist deshalb ein Exot geblieben und mit dem i8 hatte BMW ohnehin nie Großes vor. Doch weil die Bayern danach ohne großes Aufhebens und vor allem ohne weitere Design-Eskapaden konsequent am Ball geblieben sind und unauffällig fast ihre ganze Flotte elektrifiziert haben, zünden sie jetzt aus einer Position relativer Stärke die nächste Stufe und enthüllen auf der IAA im September in München die "Neue Klasse". Eher als Fahrzeuggeneration konzipiert, denn als Modellreihe, wird sie bald alle Baureihen beeinflussen, versprach der gerade in die Rente entlassene Entwicklungsvorstand Frank Weber. Doch los geht es mit einem Geländewagen im Stil des X3, dem dann bald eine Limousine im Format des Dreier folgen soll. Elektrische Kernbotschaft der neuen Klasse ist ein Dreiklang: 30 Prozent mehr Reichweite, 30 Prozent schnelleres Laden und 25 Prozent mehr Effizienz. Das bedeutet für den Erstling eine Reichweite von über 600 Kilometern und analog zum CLA zehn Minuten Laden für weitere 300 Kilometer. Mit der „Neuen Klasse“ kommt auch das Panoramic Vision Display und macht die Frontscheibe auf voller Breite zur Projektionsfläche. 
VW ID.1 und ID.2: Wir können auch bescheiden und bezahlbar
VW will zurück zu seinen Wurzeln und auch für die Generation E wieder einen Volkswagen bauen. Das ist die Botschaft des ID.2. Noch eine Studie, soll der vier Meter lange Fünfsitzer mit 450 Kilometern Normreichweite im nächsten Jahr für weniger als 25.000 Euro in den Handel kommen und die deutsche Autoindustrie auch im elektrischen Einstiegssegment wieder mitspielen lassen. Denn bislang sind da nur die Chinesen unterwegs, die Koreaner und vor allem die Stellantis-Marken. 
Mit dem ID.2 orientiert sich VW nicht nur bei der Positionierung an alten Werten, sondern auch bei der Form. Denn der Hoffnungsträger zitiert weniger andere Elektromodelle wie den ID.3 als den Golf, der bei den Niedersachsen seit sieben Generationen den Ton angibt. Das Format allerdings übernimmt der Neue mit einer Länge von 4,05 Metern vom Polo. Weil der Radstand aber auf 2,60 Meter gestreckt wurde und die gesamte Technik im Wagenboden verschwindet, verspricht VW innen mehr Platz als in der Kompaktklasse. Außerdem bekommt der ID2.2 einen mit 490 Litern überdurchschnittlichen großen Kofferraum, der selbst unter dem Ladeboden noch zwei Getränkekisten fasst. Â
Schon der iD.2 wird für VW zum Kraftakt. Aber die Niedersachsen haben erkannt, dass der Preis noch immer die größte Hürde für den Kauf eines Elektroautos ist und wohl auch noch eine Weile bleiben wird. Wenn sie das Feld nicht vollends den Chinesen überlassen wollen, müssen sie weiter an der Kostenschraube drehen und sich mehr auf das „Volks“ im „Wagen“ besinnen. Deshalb haben sie den ID.Every1 kreiert. Der ist zwar noch eine Studie, soll aber binnen zwei Jahren als ID.1 in Serie gehen und mit einem Grundpreis unter 20.000 Euro zum billigsten E-Auto eines deutschen Herstellers werden. Dabei beschränken sich die Niedersachsen zwar aufs Wesentliche, wollen aber keine Sparbüchse auf die Räder stellen. Bei 3,80 Metern Länge reicht der Platz noch immer für vier Personen, die Reichweite soll mit 250 Kilometern für den urbanen Alltag genügen und mit maximal 130 km/h ist man auf der Autobahn zumindest mit Richtgeschwindigkeit unterwegs. 
Mercedes eActros 600: Vom Brummi zum Summi
Die elektrische Revolution fährt nicht nur auf der linken Spur, sondern muss auch ganz rechts gelingen. Denn Nutzfahrzeughersteller stehen unter dem gleichen CO2-Druck wie die Kollegen aus der Pkw-Fraktion. Und auch da war lange nicht viel zu hören von den Deutschen. Doch das ändert sich gerade ebenfalls. Genau wie MAN seinen eTGX am Start hat, elektrifiziert Mercedes nun den europäischen Bestseller Actros und kommt damit tatsächlich mal Tesla zuvor. Denn während der amerikanische E-Pionier seinen „Semi“ noch immer nicht in Produktion gebracht hat, beginnt in Wörth so langsam die Auslieferung des eActros 600, der mit 816 PS und 600 kWh-Akkus fit ist für 500 Kilometer und mit Ladeleistungen von 400 kW schnell genug nachladen kann, dass ein Fahrer damit über seinen Arbeitstag kommt.