Ärmelkanal-Unglück mit 31 Toten: Schleuserprozess hat in Paris begonnen
AFP8. September 2026, 15:19 UhrBRENNPUNKTE
Knapp fünf Jahre nach einem Bootsunglück auf dem Ärmelkanal mit 31 Toten hat in Paris der Prozess gegen 14 mutmaßliche Schleuser begonnen.
Knapp fünf Jahre nach einem Bootsunglück auf dem Ärmelkanal mit 31 Toten hat in Paris der Prozess gegen 14 mutmaßliche Schleuser begonnen. Sie sind unter anderem der fahrlässigen Tötung angeklagt. Es handelte sich um den schlimmsten Unfall, seitdem Migranten versuchen, in Schlauchbooten den Ärmelkanal zu überqueren. Auch ein sieben Jahre altes Mädchen und zwei Jugendliche kamen dabei ums Leben.
Die Angeklagten stammen überwiegend aus Afghanistan und aus dem Irak. Gegen zwei von ihnen, darunter einem mutmaßlichen Bandenchef, liegt ein Haftbefehl vor.Â
Zu dem Prozess haben sich 114 Nebenkläger gemeldet, vor allem Familien der Opfer, die unter anderem aus Afghanistan, Äthiopien, Somalia und Vietnam stammten. Neun Menschen reisten aus der irakischen Stadt Erbil an.
"Der Prozess gegen die Schleuser ist ein erster Schritt. Hoffentlich kommt es danach auch zum Prozess gegen die (französischen) Marinesoldaten", sagte Opferanwalt Thomas Ricard.Â
Das Unglück vom November 2021 hatte wegen des Verdachts auf unterlassene Hilfeleistung der französischen Behörden Aufsehen erregt. Dazu laufen noch Ermittlungen gegen sieben französische Soldaten, die sich teils in einer Überwachungszentrale und teils auf einem Schiff in der Nähe befanden. Ihnen wird vorgeworfen, Hilferufe ignoriert zu haben. Das Unglück überlebten nur ein Somali und ein Iraker.Â
Das Schlauchboot, auf dem die Migranten die gefährliche Überfahrt versucht hatten, war laut der Anklageschrift von schlechter Qualität. Es habe mangelhafte Ventile gehabt, aus denen unter dem Gewicht der Passagiere die Luft entwichen sei. Es gab weder ein Ortungsgerät noch einen Steuermann mit Erfahrung.Â
Nach wenigen Stunden im Wasser begann das Boot zu sinken. Die Menschen an Bord riefen mit ihren Mobiltelefonen die französische Seenotrettung an. "Wir sind im Wasser", beschworen sie die französische Dienststelle. "Ja, aber sie befinden sich in britischem Gewässer", bekamen sie laut den später veröffentlichten Protokollen zur Antwort. Eine Absprache mit britischen Stellen gab es nach Erkenntnissen der Ermittler nicht.
Seit 2018 - nachdem Überfahrten als blinde Passagiere in Lastwagen kaum noch möglich waren - überquerten mehr als 200.000 Menschen in Schlauchbooten den Ärmelkanal von Frankreich nach Großbritannien. Viele von ihnen haben dort bereits Verwandte oder Freunde oder hoffen darauf, dass sie sich dort auf Englisch und ohne Ausweispflicht besser durchschlagen können.Â
Frankreich und Großbritannien arbeiten eng zusammen, um die Überfahrten zu verhindern. Seit Beginn des Jahres erreichten etwa 16.500 Migranten Großbritannien auf dem Seeweg - 40 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum.Â