Studie: Wie kommt die Elektromobilität endlich in Fahrt?
Andreas Reiners28. Juni 2018, 12:37 UhrVERKEHR
Elektromobilität ist in aller Munde. Elektroautos sind eine Alternative zu klassischen Verbrenner-Autos, staatlich gefördert wird das Ganze auch noch. Hinzu kommen der Dieselskandal und Fahrverbote. Genug Argumente für einen Stromer, oder? Nicht unbedingt. Denn Besitzer von Elektroautos sind in Deutschland immer noch klar in der Minderheit. Denn ehemalige Diesel-Besitzer entscheiden sich beim Kauf eines neuen Autos meistens für einen Verbrenner.
Elektromobilität ist in aller Munde. Elektroautos sind eine Alternative zu klassischen Verbrenner-Autos, staatlich gefördert wird das Ganze auch noch. Hinzu kommen der Dieselskandal und Fahrverbote. Genug Argumente für einen Stromer, oder? Nicht unbedingt. Denn Besitzer von Elektroautos sind in Deutschland immer noch klar in der Minderheit. Denn ehemalige Diesel-Besitzer entscheiden sich beim Kauf eines neuen Autos meistens für einen Verbrenner. Dies hilft zwar, Feinstaubbelastung und Stickstoffemissionen zu reduzieren, dafür steigt der CO2-Ausstoß der Pkw-Neuzulassungen kontinuierlich an. Für die Erreichung der Klima- und Luftreinhalteziele ist eine massive Erhöhung der Neuzulassungen von Elektroautos unabdingbar.
Das Problem: Elektroautos sind für den normalen Autokäufer aktuell eher unattraktiv: Sie kosten mehr als Verbrenner im gleichen Segment, außerdem ist die gefühlte Reichweite von Elektroautos zu gering. Fehlende Ladepunkte sorgen dafür, dass Elektroautos weder unterwegs noch zu Hause ortsunabhängig und schnell aufgeladen werden können, woraus die Angst resultiert, irgendwo ohne Strom liegenzubleiben. Bisherige staatliche Fördermaßnahmen für Elektroautos können diese Unzulänglichkeiten kaum ausgleichen und zeigen (noch) keine Breitenwirkung.
In Zahlen ausgedrückt: Der Anteil von Dieselautos unter den Neuzulassungen ist auf 32 Prozent im ersten Quartal 2018 abgestürzt. Elektroautos haben hiervon kaum profitiert: Ihr Anteil ist in den letzten drei Jahren von 0,6 Prozent auf aktuell zwei Prozent aller Pkw-Neuzulassungen gewachsen. Benzinbetriebene Neuwagen profitieren bislang am meisten und machen inzwischen 65 Prozent der Neuzulassungen aus. Was die CO2-Klimaziele betrifft, liegt der CO2-Ausstoß der Pkw-Neuzulassungen aktuell bei 130,5g/km (Mai 2018) und damit wieder über dem Niveau von Anfang 2015. "Die Erreichung des Klimaziels von durchschnittlich 95g/km für neu zugelassene Pkw im Jahr 2020 erscheint somit quasi unmöglich, gleichzeitig wird es immer dringlicher, alternative Antriebe zu fördern.", so Gerd Retterath, Projektmanager bei mm customer strategy. Auch die staatliche Förderung beim Kauf von Elektroautos verpufft mehr oder weniger ungenutzt. Seit der Einführung 2016 sind erst 17 Prozent abgerufen worden. Geht man von einem durchschnittlichen Wachstum aus, würden bis zum Auslaufen der Förderung zum 30. Juni 2019 lediglich 55 Prozent der Fördermittel beantragt. Heißt: 540 Millionen Euro würden verpuffen.
Wie kann also die Nachfrage nach Elektroautos angekurbelt werden? Eine repräsentative Studie der Strategie- und Marktforschungsberatung mm customer strategy zusammen mit IfaD, IFF und Norstat unter 1.200 privaten Neuwageninteressenten in Deutschland zeigt zum einen, was private Autokäufer von Elektroautos erwarten, zum anderen, dass eine kritische Bestandsaufnahme politischer Fördermaßnahmen durchgeführt und deren Neuausrichtung diskutiert werden sollte, um öffentliche Gelder möglichst effektiv und effizient einzusetzen. Um Elektroautos effizient und effektiv auf deutsche Straßen zu bringen, müssen verschiedene Maßnahmen ineinandergreifen, so das Unternehmen: Ein breites, auf die Nachfrage abgestimmtes Angebot von Fahrzeugen und Ausstattungsoptionen wie bei aktuellen Verbrennern mit attraktiven Preisen, technologische Verbesserungen von Reichweiten und Aufladedauern sowie Auflademöglichkeiten, die mindestens so einfach und bequem nutzbar sind wie heutige Tankstellen. In einem aus heutiger Sicht durchaus realistischen Szenario mit einer guten Versorgung der Autobahnen mit Schnellladepunkten, deutschlandweiten Innenstadt-Fahrverboten für Verbrenner und unter Berücksichtigung des bis dato noch stark eingeschränkten Angebots von Elektroautos gehen die Berater von mm customer strategy davon aus, dass im Jahr 2020 Elektrofahrzeuge (rein batteriebetriebene Autos und Plug-in-Hybride) einen Anteil von 4,1 Prozent an den privaten Neuzulassungen erreichen.
Im Jahr 2022 werden nach heutigem Stand alle großen Hersteller ihr Modellportfolio komplett elektrifiziert haben. Darüber hinaus werden Batterien und damit Elektroautos nicht nur günstiger, sondern auch größer und lassen sich schneller aufladen als heute. Bei gleichzeitigem Vollausbau der Autobahnen mit Schnellladern sowie City-Fahrverboten für Benziner und Diesel erscheint laut mm customer strategy eine Elektroquote von knapp 18 Prozent der privaten Neuzulassungen realistisch. Werden bis dahin auch ausreichend öffentliche Ladepunkte in Innenstädten sowie in Wohngebieten installiert, kann die Elektro-Nachfrage sogar auf 21,3 Prozent steigen. "In Kombination mit den vorigen Maßnahmen führen subventionierte Wallboxen als wirkungsvollste Einzelmaßnahme zu einem weiteren Anstieg der Elektroquote auf 25,3 Prozent.", erläutert Dr. Felix Kraus, Senior Consultant bei mm customer strategy.
Die Studie zeigt zudem klar auf, dass die heimischen Auflademöglichkeiten maßgeblich das geplante Kaufverhalten der interessierten Kunden beeinflussen: Elektroauto-Interessenten ohne privaten Stellplatz tendieren etwas stärker zu den weniger umweltfreundlichen Plug-In-Hybriden. Ist zwar ein privater Stellplatz vorhanden, empfindet der Käufer die Installation einer Heimladestation an seinem Stellplatz als schwierig bzw. unmöglich, sinkt das Kaufinteresse für Elektroautos fast auf die Hälfte ab. Folglich kommt heimischen Ladepunkten eine entscheidende Rolle zu, um die Nachfrage nach Elektroautos anzutreiben. Aktuelle Förderungen für private Heimladestationen sind bundesweit aber vollkommen uneinheitlich geregelt.
Dr. Markus Müller-Martini, Managing Partner von mm customer strategy, resümiert: "Wenn die Bundesregierung ernsthaft das Ziel von einer Million Elektroautos bis 2020 verfolgen will, ist eine zusätzliche Kaufprämie für Wallboxen der zentrale Hebel - und dies sogar quasi ohne Bereitstellung zusätzlicher Mittel. Die voraussichtlich nicht abgerufenen 540 Millionen Euro Kaufprämie für Elektroautos würden - bei gleichzeitiger Schaffung rechtlicher Rahmenbedingungen für Mieter und Wohneigentümergemeinschaften - über 250.000 private Ladestationen ermöglichen und wiederum den E-Auto-Kauf ankurbeln. Dies verspricht deutlich mehr Elektro-Neuzulassungen als die prognostizierten 180.000 Förderanträge für Elektroautos."